Tiefgarage im Detail

Tiefgarage im Detail

ZUR ARCHITEKTONISCHEN EINSTELLUNG - KASTNER+ÖHLER TIEFGARAGE

Man muss gleich zu Anfang sagen: Das Kaufhaus Kastner+Öhler hat nicht nur ganz zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die damals sehr berühmten Architekten Helmer und Fellner für den Bau des Stammhauses engagiert, die Eigentümer haben auch durch die letzten Jahrzehnte hindurch bei allen baulichen Maßnahmen hohe architektonische Qualität ausdrücklich gewünscht. Das ist besonders im Hinblick auf die oft architekturlosen Shopping-Märkte eine ganz deutlich anzuerkennende Kulturleistung von Bauherrenseite.
Die Bautätigkeit in den letzten Jahrzehnten von Szyszkowitz+Kowalski für Kastner+Öhler liegt in einer Reihe von Publikationen gut dokumentiert vor, siehe auch Publikation des Hauses der Architektur Band10 „Innovation eines Kaufhauses in Graz". Der neueste Schritt aber, seit Jahrzehnten ein Wunsch des Unternehmens, wurde erst jetzt mit ganz neuem Elan der Besitzer verwirklicht: Eine Tiefgarage unter der Altstadt, bei der alle Häuser, denkmalgeschützt natürlich, in unangetastetem Zustand erhalten werden mussten, und bei der wiederum die Forderung nach einmaliger architektonischer Qualität gestellt war.
Unter einem lebenden, also in Benutzung befindlichen Altstadtquartier aus ehemaligen Stifts- und Klosterhöfen, Stadtpalais und Bürgerhäusern mit Wurzeln bis hin zum Mittelalter und mit allen eben dort durchführenden städtischen Versorgungsleitungen, noch dazu in unmittelbarer Nähe zum Fluss Mur und in schwierigem Untergrund eine Tiefgarage bauen zu wollen, ist an sich eine Art Wahnsinnsidee. In der Tat gibt es an ähnlich komplizierten Baustellen in ganz Europa nur sehr wenige. Das Vorhaben ist aus dem Wunsch entstanden, die Innenstädte immer wieder mit neuen Impulsen zu versehen und das Stadtgeschehen inklusive der Kaufkraft nicht an die Peripherie abwandern zu lassen. Es war in diesem Sinne schlichtweg notwendig und von besonderer Wichtigkeit, gerade im Zentrum von Graz Parkraum anbieten zu können.
Dass nun trotz dieser ganz enormen Erschwernisse nicht der mühsame Kampf mit den geschilderten Widrigkeiten den Ausdruck der Architektur prägte, sondern eine gleichsam mühelose, atmosphärisch höchst angenehme und funktional einwandfreie, ja elegante Architektur entstanden ist, war eine Vision, deren Einlösen zwar hohen Einsatz verlangte, aber immer ein lohnendes architektonisches Ziel bleibt.
Man könnte sich wundern, warum Architekten sich einem vermeintlich so trivialen Thema wie einer Tiefgarage widmen, aber: Gerade bei einer Bauaufgabe, die so oft vom Gestalterischen her absolut vernachlässigt wurde und zu höchst unerfreulichen Stadterlebnissen führte, scheint dieser Einsatz mehr als sinnvoll.
Dass die Garage schon in der ersten Minute quasi mit Begeisterung akzeptiert wurde, zeigen Äußerungen aus der Bevölkerung über die Atmosphäre wie „einzige bewohnbare Garage Europas“. Ganz besonders geliebt wird sie von den weiblichen Nutzern für ihre komfortable Sicherheit.

Organisationskonzept
Für die Einfahrt konnte die tiefe Lage der bestehenden Straßenunterführung genutzt werden. Eine Abfahrt zur Garage war somit nicht mehr nötig, da man bereits im 1. UG beginnen konnte. Die gesamte Garage ist über zehn Rampen als fortlaufende lange Schleife geplant. Es gibt ausschließlich eine leichte, gleichbleibend schräge Rampe die gesamte Garage hinunter. Ohne Suchen kann immer der nächst günstigste Platz erreicht werden, da man an allen Stellplätzen fortlaufend vorbeifährt und schon von weitem das grüne Licht für einen freien Platz erkennt. Von jeder Ebene aus kann die Auffahrtsspindel angefahren werden. Sie liegt als gesonderter Baukörper neben den Garagenrampen. Sie führt von allen fünf Geschossen durchgehend hinauf. Vom letzten obersten Spindelpunkt führt eine Ausfahrtsrampe wieder in den Straßenverkehr.
Von Außen kann man durch ein großes Glasfenster im Boden des oberirdisch neu entstandenen Platzes bis in den Kern hinunterschauen. Dieser Platz ist vom Mursteg bis zum Sporthausturm neu entstanden und in seiner Modulation und Form ein neuer Stadtplatz. An zwei strategisch günstigen Punkten führen vertikale Erschließungen - also vollständig über die ganze breite verglaste Lifte und Stiegenhäuser - direkt in das Kaufhaus, eine davon in das Sporthaus, die andere zum Haupthaus. Nachts gibt es einen direkten Ein- und Ausgang zum Platz vor dem sog. Admonterhof. Von diesen Erschließungen aus ist jeweils die gesamte Garage zu überblicken. Sie ihrerseits sind von jedem Punkt jeder Ebene deutlich zu sehen – ein Umstand, der dem persönlich empfundenen Sicherheitsgefühl aber auch der tatsächlichen Sicherheit dient.

Zur Form
Die Stiegenhäuser zeigen – neben der Garage selbst – mit ihren gläsernen Liften eine ganz besonders angenehme und von den architektonischen Maßnahmen her sehr überdachte Atmosphäre. Eindeutige Zeichen von Farbe und Material, verbunden mit einem indirekten Belichtungsspiel geben diesen vertikalen Verbindungen eine exquisite architektonische Gestalt.
Die Gestaltung im Allgemeinen lebt nicht nur von der Klarheit, sondern von der Farbe und dem Licht. Meist indirekte und vollständige Ausleuchtungen geben bis zum letzten Rand hin eine sanfte aber akzentuierte Helligkeit. Ein Farbspiel von aprikoseartigen Tönen für Wände und Boden wird durch weiße Decken und Stützen ergänzt - Decken, die im übrigen absolut ruhig und glatt gehalten sind und Stützen, die mit ihrer geschwungenen, linsenartigen Form ein Umfahren sehr erleichtern und die gleichzeitig wiederum eingebaute Leuchtkörper für Decke und Boden beinhalten.

Zu Statik und Projektablauf
Für das Bauvorhaben wurde das gesamte historische Stadtquartier auf ins Erdreich außen neben den Hauswänden gebohrte Pfähle gestellt, die in bis zu 27m Tiefe führen. Nachdem die Hauswände dann von Pfahl zu Pfahl mit Trägern unterfangen waren, wurde das Erdreich oder das Gestein ausgehoben - unter fortlaufender, aufwändiger Befestigung der Baugrubenwände des immer tiefer werdenden Loches. Erst danach, von der untersten Ebene angefangen, wurde der gesamte Hohlraum wieder geschossweise aufgebaut – mit Stützen, die nun genau an der richtigen Stelle für die Garage lagen. Als man an der obersten Ebene angekommen war, wurden die alten Häuser auf das neue Stützsystem umgelagert und die nun störenden provisorischen Pfähle wieder entfernt. Dies in Kürze.
Nun im Einzelnen:
Zum Projektablauf Die Entwurfsphase des Projektes begann Anfang September 2001. Die Baumaßnahmen wurden nach etlichen komplizierten behördlichen und zivilrechtlichen Bewilligungsverfahren sowie der Verfahren beim Denkmalschutz und der Altstadtkommission im April 2002 in Angriff genommen.
Der Bauablauf des Projektes kann in zwei Phasen gegliedert werden:
Erstens Verlegung einer Vielzahl von Medienleitungen und Unterfangung der bestehenden Häuser, Herstellung der Bohrpfahlwände („HDBV“-Wände Hochdruckbodenvermörtelung), Herstellung der provisorischen Bohrpfähle, Aushub und Herstellung der provisorischen Bodenabdichtung – diese Phase wurde von April 2002 bis Januar 2003 in sehr kurzer Zeit abgeschlossen.
Zweitens die Herstellung des eigentlichen Bauwerkes innerhalb der fertiggestellten Baugrube, die von Februar 2003 bis Oktober 2003 in nur acht Monaten abgeschlossen wurde.
Im Oktober 2003 erfolgte die Fertigstellung und die Eröffnung der Tiefgarage mit 500 Stellplätzen. Zur gesamten Umsetzung galt es, umfangreiche Probleme zu lösen:
Bauvorbereitende Maßnahmen: Verlegung eines großen öffentlichen Kanals, von 16 Stromkabeln, 32 Telekommunikationsleitungen und der Fernwärmeleitung sowie Sicherung der gesamten Uferverbauung zum Fluss hin inkl. Aufrechterhaltung des öffentlichen Verkehrs auf mindestens einer Fahrspur. Auch die Umdisponierung der Hauptstromversorgung des komplexen Warenhauses samt Starkstromzentrale erforderte großen baulichen aber auch organisatorischen Aufwand. Der während der gesamten Bauzeit ständig aufrechtzuerhaltende Kaufhausbetrieb verursachte eine Neuorganisation der Warenzulieferung. Mit einem Kran wurden die Container über die Dächer zu den Innenhöfen gehoben oder am Dach des Warenhauses zur Entladung abgesetzt. Fluchtwege für das Kaufhaus mussten neu eingerichtet werden, da vorhandene Fluchtwege durch Gebäudeabbrüche nicht mehr existent waren. Diese Maßnahmen benötigten einen Zeitraum bis August 2002.
Andere Schwierigkeiten kamen dazu: Eine winzige Fläche musste für das Baustellenlager ausreichen. Die zeitliche Organisation der Bauarbeiten erfolgte nach genauem Zeitplan, da alles Material minutengenau gebracht und abtransportiert werden musste.

Zur Statik
Bis zur Fertigstellung des Bauwerkes wurden die Bestandsbauwerke über der geplanten Tiefgarage temporär mit 33 Ortbetonpfählen mit einem Durchmesser von 90cm und bis zu 27m Länge gestützt. Stahlbetonlängs- und -querträger wurden im Bereich der Fundamente der historischen Bestandsbauten hergestellt, die bis zu 2,40 m breit und ca. 1,20 m hoch waren und die Lasten des Bestandes auf die vorher großteils außerhalb der Gebäude errichteten Pfähle übertrugen.
Nach Fertigstellung der temporären Pfähle konnte mit dem Aushub begonnen werden. Beim Aushub wanderte die Druckbelastung der Pfähle von Mantelreibung auf Spitzendruck über. Die dadurch entstandene unterschiedliche Setzung der Pfähle konnte durch hydraulische Pressen zwischen Bohrpfahlkopf und Träger ausgeglichen werden. Die Sicherung der Baugrube erfolgte durch schräg in die Baugrubenwände gebohrte 20m lange Litzenanker (700Stk.). Die für die Aushubphase erforderlichen provisorischen Abdichtungsmaßnahmen erfolgten durch einen seitlichen Dichtschirm bzw. Sohlinjektion. Die Baugrubensohle lag bis zu 12m unter dem Grundwasserspiegel, das heißt mehr als die halbe Höhe des Bauwerkes stehen im Grundwasser. Daraus wird ersichtlich, dass an die Bauwerksabdichtungen extreme Anforderungen gestellt wurden. Nach Fertigstellung der Baugrube wurde die Ausführung in Kombination einer „Weißen Wanne“ mit einer „Braunen Wanne“ hergestellt, das heißt Bentonit-Abdichtungsbahnen und rissbegrenzende Bewehrungsstäbe in den wasserberührten Betonteilen dichten die Gebäudeaußenhülle ab. Auf diese Schicht wurde eine gegen Wasserdruck von unten bemessene Bodenplatte von 120cm Dicke betoniert und es erfolgte die Herstellung der fünf Geschosse mit den endgültigen Verbundstützen in Ovalform mit Stahlkern, die eine sofortige Belastung ohne Aushärtezeit des Betons ermöglichten – eine im Hinblick auf die Bauzeit wichtige Maßnahme. Der Weiterbau erfolgte von unten nach oben bis die Unterfangungsträger erreicht wurden.
Nach Errichtung der Tiefgarage und der kraftschlüssigen Umlagerung der historischen Gebäude von den temporären Stützen auf die endgültigen, garagengerechten Verbundstützen wurden die temporären Pfähle abgeschnitten. Die Bestandsobjekte ruhen seitdem auf der neu errichteten Garage.
Während des Bauablaufes wurden die historischen Bauten mittels eines Schlauchwaagensystems elektronisch auf Bewegung kontrolliert. Trotz eines leichten Erdbebens war keine wesentliche Abweichung zu verzeichnen.
Einige Zahlen zu den Bauarbeiten: Es wurden 64.000 m³ Erde ausgehoben, etwa 1500m³/Tag in bis zu 200 Fahrten/Tag. Verarbeitet wurden 12.500m³ Beton, 1.200 Tonnen Baustahl, 520 Tonnen Stahl für die Stahlbaukonstruktion sowie 16.000m² Decken- und 7.200m² Wandschalungen. Für den Rohbau sind 66.000 Arbeitsstunden in 120 Arbeitstagen angefallen.